Lernfeld 10 Fahrwerk und Bremse
zu Teil 2
...das
Fahrwerk ändern!
Ein fiktiver
Kfz-Azubi im 3. Ausbildungsjahr, wir nennen ihn Jonas, möchte seinen Golf tieferlegen und Breitreifen montieren. Wie er sagt: „ein härteres Fahrwerk
einbauen“. Sein Geselle rät ihm darauf hin auch zu einer Achsvermessung.
Wenn Jonas vom Fahrwerk spricht, denkt
er dabei an andere kürzere und sportlicher ausgelegte Federn.
Einige Grundlagen
Das Gesamtsystem Fahrwerk besteht
allerdings aus den Radaufhängungen, Achsen und der Bereifung. Das Fahrwerk stellt die Verbindung des
Fahrzeuges zur Straße dar. Sowohl Kraft als auch Antriebsmoment werden über
das Fahrwerk auf die Straße übertragen. Ebenso müssen alle
Seitenführungskräfte bei Kurvenfahrten über das Fahrwerk aufgenommen werden. |

Eine moderne Achse besitzt viele
Radführungselemente
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Das Fahrwerk
ist also einer enormen Anzahl von unterschiedlich wirkenden Kräften und
Momenten ausgesetzt. Es muss sicher gestellt sein, das über die
Reifenaufstandsflächen all diese Kräfte und Momente optimal übertragen werden
können. Zunehmende Leistung der Fahrzeuge und der gestiegene Anspruch an das
Design, den Fahrkomfort wie auch an die Fahrsicherheit führen zu einem
deutlichen Anstieg der Anforderungen an moderne Fahrwerke.
Radstellungsgrößen
Die
Eigenschaften eines Fahrwerkes werden durch die Radstellungen realisiert. Die
Radstellung beschreibt die geometrische Lage des Rades zur Karosserie und zur
Fahrbahn. Diese Lage wird durch unterschiedliche geometrische Größen
ermittelt. Ein Teil dieser Größen kann im Verlauf der Achsvermessung direkt
ermittelt werden. Andere ergeben sich durch die kinematischen Zusammenhänge bei
Lenkbewegungen. Die Radstellung ist von maßgebender Bedeutung für den
einwandfreien Geradeauslauf, für eine gute Haftung der Reifen bei Kurvenfahrt
und für den Reifenverschleiß
Die
Radstellung wird bestimmt durch:
-
Radstand
-
Spurweite
-
Spur
-
Sturz
-
Spreizung
-
Nachlauf
-
Lenkrollhalbmesser
-
Spurdifferenzwinkel
Wann
Achsvermessung?
Wenn Jonas
also seinen Golf tieferlegt, dann verändert er auch seine Radstellungen und
somit die Eigenschaften seines Fahrzeugs. Deshalb riet ihm sein Geselle wohl
auch zur Achsvermessung (Anmerkung: Was sich alles verändern kann, können Sie
im Kasten unten nachlesen). Es gibt natürlich noch
weitere Gründe, die eine Achsvermessung sinnvoll erscheinen lassen. Wenn beim Räderwechsel
in der Werkstatt übermäßig
einseitiger Reifenverschleiß festgestellt wird, sollte ebenfalls die Ursache
lokalisiert werden und die Achsvermessung durchgeführt werden.
Häufig sind polternde Geräusche, schlechter Geradesauslauf, schwammiges
Lenkverhalten oder ein schief stehendes Lenkrad ein Hinweis darauf, dass Defekte
in der Radaufhängung vorhanden sind. Spätestens nach der Reparatur von
Spurstangen, Gelenken, Federn oder Gummilagern ist dann auch eine Überprüfung
der Radstellungsgrößen erforderlich und sinnvoll. Selbstverständlich eignet
sich die Achsvermessung als Vorabdiagnose bei kleinen Unfällen. Bei Fahrzeugen,
die mit Abstandsregelsystem nachgerüstet werden (ACC) ist ebenfalls eine
Achsvermessung erforderlich. Die einwandfreie Justierung des Radarsensors
(Genauigkeit <1°) ist Voraussetzung für eine gute Systemfunktion. Hier hätten
kleine Ursachen eine große Wirkung in der Messgenauigkeit. Eine horizontale
Dejustierung führt zu einer falschen Reaktion des Systems auf Fahrzeuge in der
Nebenspur und zu einer späten Reaktion auf Fahrzeuge in der eigenen Spur.
Moderne
Achsmesssysteme
Am ersten Automobil der Welt von Carl Benz gab es noch
nichts zu vermessen. Bei späteren, vierrädrigen Fahrzeugen mit starrer
Vorderachse reichte eine mechanische Längenmessung zur Spureinstellung. Danach
war für lange Zeit die optische Vermessung über Spiegel und/oder Lichtquellen
mit vorgeschalteten Linsen und Markierungssystemen das ausreichend.
Mit dem Einsatz neuer hoch entwickelter
Mehrlenkerachsen bei modernen Fahrzeugen jedoch, sind herkömmliche Achsmessgeräte
für die Fahrwerkvermessung nicht mehr geeignet. Dies betrifft besonders die
Messgenauigkeit. Die aktuelle Gerätegeneration erfüllt alle Anforderungen, die
an ein modernes Achsmessgerät gestellt werden, inklusive der Verwendung
neuester Computer-Technologie. Sie stellt damit eine zukunftssichere Investition
im Werkstattbetrieb dar und hilft, die Werkstattqualität auch auf dem Gebiet
der Fahrwerksvermessung weiter zu erhöhen.
Analog zu den bisherigen Geräten sind auch die
modernen Achsmessgeräte nicht an bestimmte Arbeitsplätze gebunden, sondern
universell in Verbindung mit Achsmessgruben, 4-Säulen-Hebebühnen oder
Reparaturständen einsetzbar. Dass durch die integrierten Datenbänke auch der
Komfort gestiegen ist, ist natürlich ein schöner Nebeneffekt.
Die folgende Geräteauswahl verdeutlicht auch eine gewisse technische
Vielfalt an Achsmessgeräten.
- Kameras
am Messtand mit Messreflektoren am Rad
- Kamera
mit CCD-Messtechnik am Rad - mit Infrarotlichtstrahl
- Lasersysteme
am Rad
- Mit
Kabel oder Kabellos mit Bluetooth
-
Funkgesteuerte
Höhenmessung
Prinzipieller
Aufbau Achsmesscomputer
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Die Achsvermessung, die unser Jonas erstmals selbständig
durchführen darf, wird am Beispiel eines Laserachsmesscomputers von
Hofmann (laserliner 440) beschrieben, der bei Jonas in der Werkstatt
steht.
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Prinzipiell sind diese Geräte folgendermaßen
aufgebaut: An jedem Rad werden großvolumige Sensoren befestigt und mit dem
Test-Computer verbunden. Untereinander verständigen sich diese durch
Kabelverbindungen und gebündelte Laserstrahlen. So können alle relevanten
Achsmessdaten erfasst und gleichzeitig mit den Sollwerten verglichen werden. Es
werden also von Jonas nicht mehr Istwerte abgelesen und mit Sollwerten auf
Papier verglichen, wie es sein Meister noch gelernt hatte, sondern der Computer
führt diesen Soll- und Istwertvergleich für Jonas durch und gibt ihm auf
seinem Farbdisplay ein meist mit Hilfe grafischer Baken und Farbe unterstütztes
„Gut“ oder „Schlecht“ aus. Die Achsvermessung ist mit modernen Testern
relativ schnell durchzuführen.
Bei modernen Fahrwerken gibt es allerdings immer weniger Einstellmöglichkeiten.
Wenn die gemessenen Werte zu stark abweichen, müssen Teile der Radaufhängung
ausgetauscht werden.
Was
sollte ein modernes Achsmesssystem prüfen können?
Als
Beispiel soll der Achsmesscomputer, "microline 5000", der von der
Firma Beissbarth unter den Typenbezeichnungen ML5001 für Mercedes Benz, VAS6141
für Volkswagen , ML5000 Porsche und für weiter Automobilhersteller gefertigt
wird, dienen.
Vorderachse
- Spur
(Einzel- und Gesamtspur, bezogen auf die geometrische Fahrachse),
- Sturz
(bei Fahrt geradeaus oder Spur Null),
- Radversatz,
bezogen auf das linke Vorderrad,
- Nachlauf,
Spreizung und Spurdifferenzwinkel (gemeinsam ermittelt in einer
Einschlagroutine).
Hinterachse
- Spur
(Einzel- und Gesamtspur, bezogen auf die Fahrzeug-Längsmittelebene, früher
Symmetrieachse genannt),
- Fahrachswinkel,
- Sturz
Solche
Achsmesscomputer sind außerdem in der Lage zusätzliche Messwerte zu erfassen,
die bei leichten Unfallschäden eine Vorabdiagnose über eventuell erforderliche
Richtarbeiten erlauben. Diese Messwerte sind:
- Radversatz
hinten,
- Radstandsdifferenz,
- Seitenversatz
rechts,
- Seitenversatz
links,
- Spurweitendifferenz,
- Achsversatz.
Diese zusätzlichen
Messwerte werden als Winkel erfasst; nach Eingabe der fahrzeugspezifischen Werte
für Spurweite und Radstand ist auch die Anzeige in mm möglich.
Voraussetzungen
Messplatz
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Ein Achsmessplatz muss bestimmten Anforderungen genügen,
damit eine präzise Fahrwerksvermessung und -einstellung mit
entsprechender Reproduzierbarkeit sichergestellt ist.
So
ist es sehr wichtig, dass die Radauflagepunkte (Drehuntersätze, Schiebeuntersätze) des
Fahrzeugs zueinander höhengleich liegen. Die Messgenauigkeit bei
den modernen Geräten liegt heute bei 1´ bis 2´ z.B. bei Sturz und Spur,
unter Verwendung der Präzisions-Dreh- und Schiebeuntersätze sowie den
typenspezifischen Schnellspannhaltern.
Diese Genauigkeit lässt sich allerdings nur durch einen absolut ebenen
Messplatz erreichen. Die Höhengleichheit der Radauflagepunkte wird mit
einem optischen Nivelliergerät geprüft.
Die zulässigen Höhenabweichungen dürfen zwischen
links und rechts max.1 mm, zwischen vorne und hinten sowie diagonal max. 2
mm betragen.
Für die hochpräzise Fahrwerksvermessung an
modernsten Mehrlenker-Vorderachsen, wie z.B. ab BMW E36 oder Audi A8, ist
sogar nur die Hälfte der oben angeführten Höhenunterschiede zulässig!
Falls erforderlich, ist die Höhenabweichung durch Unterlegen der
Drehuntersätze evtl. zu korrigieren. In Verbindung mit einer Messhebebühne
muss unbedingt auf gleiches Niveau der Mess- und Arbeitshöhe geachtet
werden. |
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Bei
Achsmess-Hebebühnen ist zusätzlich zu beachten, dass die max. zulässigen Höhenunterschiede
in abgesenkter Position (für die Eingangs- und Ausgangsvermessung) und auch in
der angehobenen Arbeitsposition (für die Einstellarbeiten) sichergestellt sein
müssen. Unabhängig vom Bühnen- oder Grubenmessplatz müssen die Dreh- und
Schiebeuntersätze durch Steckstifte oder in Haltemulden verankert werden, damit
ein Wegrutschen beim Auf- oder Abfahren sicher vermieden werden kann.
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Bei der Fahrwerksvermessung sollten die Vorder- und Hinterräder
möglichst mittig auf den Dreh- und Schiebeuntersätzen stehen, damit alle
Radaufhängungen während der Einschlagroutinen und Einstellarbeiten frei
von Verspannungen bleiben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass die
Dreh- und Schiebeuntersätze für die jeweiligen Radstände und Spurweiten
des zu vermessenden Fahrzeugs umgesetzt werden müssen.
Die Methode, dass
Fahrzeug anzuheben und dann die Untersätze unterzulegen, ist nicht zu
empfehlen. Moderne Fahrwerke weisen nämlich viele elastische
Lagerstellen auf. Würde man das Fahrzeug anheben, so müsste es erst
wieder 15 - 20 Minuten gefahren werden. |
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Einflüsse
durch Tieferlegung und Breitreifen
Durch
die tiefer liegende Karosserie verändert sich der Lenkrollhalbmesser. Dies bringt negative Eigenschaften für das
Fahrverhalten mit sich. Die Veränderung geht zu Lasten des negativen
Lenkrollhalbmessers. Ein positiver Halbmesser hat bei einseitig ziehenden Bremsen ein starkes einseitiges
Ziehen des Fahrzeuges zur Folge.
Durch
die veränderte Federbeinlage ändert sich auch der Spreizungswinkel, er vergrößert sich und beeinflusst somit den
Lenkrollhalbmesser ins Positive,
was sich wiederum auf das Bremsverhalten auswirkt.
Außerdem wird die Radlast erhöht, was sich verschleißfördernd auf das
Radlager auswirkt.
Durch
das Fahrwerk ändert sich der Sturz
ins Negative. Dieser beeinflusst wiederum den Lenkrollhalbmesser und wirkt
sich wie oben beschrieben auf das Bremsverhalten aus.
Außerdem
ergibt sich hieraus auch eine Spurveränderung, die die bekannten Auswirkungen auf Reifenverschleiß,
auf einseitiges Ziehen des Fahrzeugs, auf ein schnelleres Einlenken bei
Vorspur und einen schlechteren Geradeauslauf bei Nachspur mit sich bringen
können.
Durch
den Fahrwerkseinbau wird der Radstand verändert. Dies begünstigt
den Fahrkomfort bei einem langen Radstand. Ein
größerer Radstand verringert die Nickbewegungen des Fahrzeugs und das
Aufschaukeln bei Fahrbahnunebenheiten.
Der
Nachlauf ändert sich ins Positive nach dem Einbau. Dies
hat einen positiven Effekt auf die Rückstellkräfte des Fahrzeugs, es
wird auf der kurvenäußeren Seite mehr angehoben. Der Sturz wird auf der
kurvenäußeren Seite negativer, was die Abstützkräfte erhöht.
Durch
die breiteren Reifen ergibt sich
eine bessere Traktion beim Anfahren und eine höhere
Kurvensicherheit, welche durch das härtere Fahrwerk allerdings wieder
aufgehoben wird.
Zusammengefasst
lässt sich also feststellen, dass beim
Einbau eines Tieferlegungsfahrwerkes alle Radstellungsgrößen beeinflusst
werden: Spur, Sturz, Spreizung,
Nachlauf, Lenkrollhalbmesser
Durch den Einbau härterer Federn ist mit
erheblichen Nachteilen für das Fahrverhalten für Jonas zu rechnen. Das
Problem ist, dass bei den meisten Fahrzeugen nicht alle Parameter der
Achse einstellbar sind. Dadurch würden durch diese baulichen
Veränderungen Fehlstellungen eingebaut werden, die nicht mehr
korrigierbar sind.
Ein härteres Fahrwerk hat einen erheblichen
negativen Einfluss auf das Fahrverhalten und auf die Bodenhaftung im
Allgemeinen. Daraus ergibt sich ein schlechterer Grip bei Kurvenfahrt, bei
Fahrbahnunebenheiten, beim Anfahren Traktionsverluste und bei Regen
erhöhte Aquaplaning Gefahr.
Was sollte der Meister Jonas vor dem Kauf
von Fahrwerken raten?
Jonas
ist in jedem Fall von einem Billigfahrwerk abzuraten.
Veränderungen am Fahrwerk sind nur sinnvoll mit vom Hersteller freigegebenen Fahrwerken.
Rein optische Veränderungen haben deutliche Nachteile im Fahrverhalten.
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weiter zu Teil 2
geändert:
04.10.2011
Dieser
Bericht wurde auch im Technikprofi, dem Extraheft von Auto, motor und
sport veröffentlicht.
Johannes
Wiesinger bearbeitet:
04.10.2011
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