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Weniger ist manchmal mehr – Die Zylinderabschaltung
Zylinder abzuschalten ist an und für sich nichts Neues. Denn bereits
in den 80er und 90er Jahren sorgten Mercedes bei der S-Klasse und
BMW bei den 7er und 8er Modellreihen dafür, dass Brennräume Pausen
verordnet bekamen. In den USA war und ist die Abschaltung von
Zylindern z.B. im Chrysler Konzern (Hemi-V8-Motoren mit 5,7 Liter
Hubraum) sehr verbreitet, in Deutschland kam man davon jedoch wieder
ab (Mercedes bis 2005 im 5l V8). Nun erhält die temporäre
Abschaltung von Zylindern bei Audi, VW und Mercedes eine kleine Renaissance.
Im Frühjahr 2012 debütieren die Audi S8, S7 sowie S6 und S6 Avant mit
Motoren, die bei Bedarf die Hälfte ihrer Zylinder abschalten Aber warum konnte sich die
abgekürzt ZAS bezeichnete Technik bisher nicht richtig durchsetzen?
Es gab dafür mehrere Gründe: Zum einen war
die technische Umsetzung sehr aufwändig aber der Nutzen durch einen
niedrigeren Kraftstoffverbrauch in der Praxis nicht so deutlich wie
erhofft, und zum anderen konnte und wollte sich der Kunde dafür nicht
begeistern lassen. Schließlich zahlt er für die Kraft seiner 8 Zylinder
viel Geld und die PS will der dann auch ständig verfügbar haben, ob
nötig oder nicht. Den sonoren Klang des Motors wollte er dazu ebenfalls
nicht missen.
Die neuen Systeme zeigen das
Pausieren einzelner Zylinder aber selbstbewusst in der
Instrumententafel an. Denn „Sparen“ oder besser gesagt „Effizienz“
ist gesellschaftsfähig geworden. Audi warb auf der IAA mit der
Weltpremiere für die neue Generation des S8 mit dem 4.0l TFSI Motor
für die Zylinderabschaltung sehr deutlich und bringt die Technik im
Frühjahr 2012 unter dem Namen cylinder on demand
auf den Markt.
Der neue V8 4.0 TFSI von Audi – Mit Start-Stopp und Zylinderabschaltung
spart er mindestens 10% Sprit War der alte S8 noch mit einem ebenso
leistungsstarken wie soundgewaltigen Zehnzylinder mit 5,2 Litern Hubraum
ausgestattet, so kommt die neue Generation mit acht Brennkammern und
„nur“ vier Litern Volumen aus. Im Teillastbereich schaltet der
Biturbo-V8 vier Zylinder ab, dadurch sinkt sein Konsum im NEFZ-Zyklus um
rund fünf Prozent, was etwa 10 bis 12 Gramm CO2 pro km entspricht.
Rechnet man das bei den S-Modellen von Audi eingesetzte
Start-Stopp-System hinzu, das den Motor im Stillstand deaktiviert,
beträgt die Einsparung bis zu 24 Gramm CO2 pro km. Dynamisches Downsizing
Doch was ist Zylinderabschaltung eigentlich
genau? Die Zylinderabschaltung (engl.: Cylinder
deactivation) wird auch als dynamisches Downsizing bezeichnet und
ist ein System zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauches von
Verbrennungsmotoren. Ein Motor braucht seine komplette Leistung ja
nur selten. Besonders PS-starke Boliden sollen nur dann mehr
Kraftstoff brauchen, wenn sie auch ihre Mehrleistung benötigen. In
den anderen Situationen können Zylinder einfach abgeschaltet werden,
soll heißen, die Kraftstoffzufuhr wird unterbrochen, besser gesagt
an den betreffenden Zylindern wird kein Kraftstoff eingespritzt.
Würde man jedoch nur die Einspritzung und die Zündung abschalten,
würden die Zylinder wie Luftpumpen arbeiten und die Lambdaregelung
gehörig außer Tritt bringen. Deshalb, und um Gaswechselverluste zu
vermeiden, müssen die Ein- und Auslassventile dieser Zylinder
ebenfalls geschlossen werden. Je nach System kann man eine komplette
Zylinderbank abschalten (V-Motor) oder bei Reihenmotoren auch
einzelne Zylinder (Einzelzylinderabschaltung). Einsatz ZAS
Eingesetzt werden ZAS, vor
allem wegen einer gewissen Mindest-Laufruhe, hauptsächlich bei
Motoren mit mindestens acht Zylindern. Neben dem bereits
erwähnten AUDI S8 mit 382 kW (520 PS) und einem um einem um 23 %
gesenkten Normverbrauch von 13,2 l auf 10,2 l werden auch die
kleineren Modelle S6, S6 Avant und S7 mit dem abschaltbaren
8-Zylinder ausgestattet. Die mit doppelter Turboaufladung
versehenen Motoren besitzen immerhin noch 309 kW (420 PS) bei
einem Verbrauch von unter 10 Litern.
Leistungs- und Drehmomentdiagramm des 4.0 TFSI. Die
Zylinderabschaltung wirkt bei einem Drehmomentbedarf von 120 – 150
Nm innerhalb von 960 bis 3500 1 /min Der neue
Vierliter-V8 kommt 2012 auch im
Bentley Continental GT zum Einsatz, wo sich
der Verbrauch im Vergleich zum bisherigen V12 im NEFZ-Zyklus um bis
zu 40 Prozent reduziert. Bentley war in den Entwicklungsprozess
dieser Technologie involviert und verwendet bereits bei seinem
"großen" V8 mit 6,75 Liter Hubraum und über 1000 Nm im Mulsanne ein
ähnliches System.
Die Mercedes-Schwester AMG
versucht den Verbrauch ihrer Modelle um 30 Prozent zu senken und
brachte deshalb auf der IAA 2011 mit dem SLK 55 AMG einen neuen
benzindirekteinspritzenden V8-Motor auf den Markt, der ebenfalls
die Zylinderabschaltung (AMG Cylinder Management)
nutzt.
Der V8 Motor des Mercedes SLK 55 AMG setzt ebenfalls die
Zylinderabschaltung ein Wenn der Fahrer des
V8-Saugers mit 310 kW (422 PS) Leistung und 540 Nm Drehmoment per
Knopfdruck auf der Mittelkonsole den "Controlled Efficiency"-Modus
auswählt, dann schalten sich im Teillastbereich zwischen 800 und
3600 Touren die Zylinder zwei, drei, fünf und acht ab.
Im Vierzylindermodus stehen dann noch 230 Newtonmeter
Drehmoment zur Verfügung. Der Übergang vom Vier- in den
Achtzylindermodus soll für den Piloten bei 3600 Umdrehungen völlig
unbemerkt und innerhalb von 30 Millisekunden von statten gehen. Das
Display zeigt mit Hilfe der Symbole "Eco4" und "Eco8" den jeweiligen
Zustand des Motors an. Im Sportmodus und im manuellen Modus ist die
Zylinderabschaltung außer Funktion. In der Formel 1 ist die
Zylinderabschaltung ebenfalls bekannt. Hier stellt die Elektronik
die Kraftstoffeinspritzung beim Boxenstopp oder in der Safety-Car-Phase
ab. Aus vier mach zwei
Es müssen aber nicht
unbedingt immer hubraumstarke Motoren sein: VW schaltet künftig
im Golf 1.4 TSI mit seinen 103 kW (140 PS) zwei Zylinder ab. Der
Vierzylinder Turbo-Direkteinspritzer legt im unteren und
mittleren Drehzahlbereich zwischen 1400 und 4000 U/min zwei
Brennkammern still. Dazu schließt das System die Ein- und
Auslassventile der Zylinder 2 und 3; der Motor zündet pro
Kurbelwellenumdrehung also nur noch einmal. Das Schließen der
Ventile erfolgt über eine komplexe Aktuatorik, mit
verschiebbaren Hülsen auf der Ein- und der Auslassnockenwelle
Durch die Nockenhubumschaltung können die Ventile komplett
geschlossen werden
Die Technik im VW
ist prinzipiell mit der des Audi vergleichbar und wird nachfolgend
noch erläutert. Nur wenn der Fahrer im Display der
Multifunktionsanzeige den Momentanverbrauch abfragt, erhält er den
Zweizylinder-Status angezeigt. Sonst würde er ihn kaum wahrnehmen –
auch mit zwei Zylindern läuft der exzellent ausbalancierte 1.4 TSI
noch sehr leise und vibrationsarm.
Im offiziellen Fahrzyklus
reduziert dies den Verbrauch laut VW um 0,4 Liter auf 100
Kilometer. Mit Start-Stopp-Automatik summiert sich dies dann
immerhin auf 0,6 Liter Kraftstoffeinsparung. Bei 50 km/h im
dritten oder vierten Gang soll sich eine Einsparung von nahezu
einem Liter auf 100 Kilometern ergeben.
Volkswagen gibt an, dass sich bei 50 km/h im dritten oder vierten Gang eine Einsparung von nahezu einem Liter auf 100 Kilometern ergeben soll (Quelle: VW) Arbeitsweise ZAS
Die nähere Arbeitsweise einer modernen
Zylinderabschaltung soll am Beispiel des Audi V8 erläutert werden.
Die Zylinderabschaltung arbeitet im 4.0 TFSI bei geringer Last. Die
Obergrenze dafür liegt, abhängig von der Drehzahl, zwischen etwa 25
und 40 Prozent des maximalen Drehmoments, etwa 120 bis 250 Nm; der
effektive Mitteldruck beträgt hier bis zu acht bar. Der
Drehzahlbereich beginnt über der Leerlaufdrehzahl bei 960 1/min und
reicht bis 3500 1/min. Die Zylinderabschaltung ist vom dritten bis
zum 8. Gang an aktiv, sobald das Kühlwasser über 30 Grad erwärmt
ist. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, schließt das System
pro Bank die Ein- und Auslassventile von jeweils zwei Zylindern. Der
V8 arbeitet jetzt, weiterhin mit regelmäßiger Zündfolge, als V4,
zündet jedoch pro Kurbelwellenumdrehung nur noch zwei- statt
viermal. Statt 1 – 5 – 4 – 8 – 6 – 3 – 7 – 2 lautet die Zündfolge
jetzt 1 – 4 – 6 – 7; in den aktiven Zylindern erhöht sich der
Wirkungsgrad, weil sich die Betriebspunkte zu höheren Lasten hin
verlagern.
Das weiterentwickelte
Audi valvelift system (AVS) nutzt
elektromagnetisch verschiebbare Hülsen auf den Nockenwellen
Das weiterentwickelte Audi valvelift system (AVS) verwendet einen Nullhubnocken, der im Grundkreis läuft. Wird dieser elektromagnetisch zugeschaltet, bleiben die Ventile geschlossen (Quelle: Audi) Diese Nockenstücke
tragen neben dem herkömmlichen Vollprofil einen Nullhubnocken als
zusätzliches Profil. Während die Vollprofile im Achtzylinderbetrieb
die Rollenschlepphebel und über sie die Ventile betätigen, sich also
wie ganz konventionelle Nocken verhalten, rotieren die Nullhubnocken
über den Schlepphebeln, sie betätigen sie nicht, die Ventilfedern
halten die Ventile geschlossen. In die Außenseiten der rotierenden
Nockenstücke sind spiralförmige Nuten eingefräst, über die sich die
Hülsen blitzschnell um einige Millimeter auf den Wellen verschieben
lassen: Bekommen elektromagnetische Aktuatoren in der
Zylinderkopfhaube durch die Motorsteuerung ein Signal, greifen zwei
integrierte Metallstifte von außen in die Nuten ein und bringen sie
in Endposition. Von federbelasteten Kugeln werden die Nockenstücke
schließlich arretiert. Gleichzeitig legt das Motormanagement die
Einspritzung still. Alle mechanischen Umschaltvorgänge laufen dabei
innerhalb einer halben Nockenwellenumdrehung ab; je nach Drehzahl
dauern sie 9 bis 31 Millisekunden. Flankierende Eingriffe an Zündung
und Drosselklappe glätten sie. Unmittelbar vor dem Schließen der Ventile
werden die Brennräume noch einmal mit Frischluft gefüllt. Dieser
Frischgaseinschluss bedeutet einen geringeren Druck im Zylinder und
einen entsprechend niedrigen Energieaufwand – ein wichtiger Faktor
für die Effizienzsteigerung. Die Kraftstoffeinspritzung und die
Zündung werden durch das Motormanagement still gelegt. In den
deaktivierten Zylindern bewegen sich die Kolben durch den Antrieb
von der Kurbelwelle, werden also geschleppt.
Das FIS-Display des
Kombiinstruments zeigt dem Fahrer den Vierzylinder-Status an -
der Balken der Verbrauchsanzeige färbt sich grün, zugleich
erscheint ein Text-Hinweis.
Ist der Fahrer mit 4 statt 8 Zylindern unterwegs, wird ihm dies per
grünem Balken und Texthinweis angezeigt Sobald der Fahrer
kräftig Gas gibt, schalten sich die deaktivierten Zylinder wieder
zu. Die Rückkehr in den Achtzylinderbetrieb verläuft, ebenso wie das
Abschalten, so geschmeidig und schnell, dass sie de facto nicht zu
spüren ist; sie nimmt im Schnitt gerade mal 300 Millisekunden in
Anspruch. Prinzipiell sind die Umschaltungen jedoch mit kurzzeitigen
Wirkungsgrad-Nachteilen verbunden, so dass erst ab Abschaltzeiten
von über drei Sekunden ein Verbrauchsvorteil entsteht. Audi hat
deshalb eine Steuerungslogik entwickelt, welche die Gaspedal-,
Bremspedal- und Lenkbewegungen des Fahrers beobachtet. Wenn sie aus
ihnen ein ungleichmäßiges Muster erkennt, unterlässt sie die
Abschaltung in bestimmten Situationen, etwa bei einer Fahrt im
Kreisverkehr oder bei sportlicher Gangart auf der Landstraße. Eine
Deaktivierung von nur wenigen Sekunden Dauer würde den Verbrauch
eher erhöhen als senken. Das System cylinder on demand ist
permanent betriebsbereit, auch im S-Modus des Automatikgetriebes und
im Kennfeld dynamic von Audi drive select. Die größten Einsparungen
erzielt es bei konstanter Fahrt mit moderater Geschwindigkeit, wie
sie auf vielen Schnellstraßen üblich ist. So beträgt bei 80 km/h für
alle S-Modelle der Effizienzgewinn zwölf Prozent und selbst bei 130
km/h werden noch sieben Prozent eingespart. Im NEFZ-Zyklus beträgt
die Effizienzsteigerung wie bereits erwähnt ca. fünf Prozent, mit
Startstopp ca. 10%. ZAS ohne Komforteinbußen
Leider beinhaltet das Abschalten von
Zylindern auch ein paar den Komfort betreffende Nachteile.
Achtzylinder-Motoren sind neben der Durchzugskraft und der
harmonischen Kraftentfaltung auch für ihr ruhiges Laufverhalten
bekannt. Wo ein Vierzylinder Ausgleichwellen braucht, kann ein
Achtzylinder für gewöhnlich darauf verzichten. Und vier Zylinder
laufen nun mal bekanntlich rauer als acht. Wenn der V8 als V4
arbeitet, produziert sein Kurbeltrieb, abhängig von der Last und der
Drehzahl, höhere Drehschwingungen; diese dringen als Luftschall auch
in den Innenraum. Die groß dimensionierte Abgasanlage emittiert
ebenfalls gewisse Brummgeräusche, die sich trotz einer intelligenten
Klappen-Steuerung nicht vermeiden lassen. Von all diesen
Störgeräuschen sollen die Fahrer und Passagiere natürlich nichts
hören. Wenn der 4.0 TFSI im Vierzylinderbetrieb läuft, sorgen
deshalb die Active noise control (ANC) und zum
anderen aktive Motorlager dafür, dass unerwünschte
Geräusche im Innenraum oder Schwingungen dem Kunden nicht die Fahrt
verderben. Fazit
.Wenn es darum geht Kraftstoff und CO2 einzusparen, ist Downsizing in aller Munde Wenn man dies nur temporär tut, in dem man dafür Zylinder abschaltet (dynamisches Downsizing), dann schlägt man scheinbar zwei Fliegen mit einer Klappe. Leistung und Drehmoment, stehen durch die wartenden Zylinder auf Abruf zur Verfügung (cylinder on demand) und im Teillastbereich wird Sprit gespart. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass die Zylinder weiterhin mitgeschleppt werden müssen! Es scheint, dass die Zeit nun reif für die Zylinderabschaltung ist, nicht zuletzt dadurch, dass entsprechende Komfortmaßnahmen wie die Active Noise Control und Aktive Motorlager dies dem Kunden schmackhaft machen, weil er es vielleicht gar nicht mitbekommt, wenn ihm Zylinder fehlen. Diese Seite von kfztech.de weiter empfehlen Johannes Wiesinger bearbeitet: 23.01.2012 Folgen Sie kfztech auf Twitter Besuchen Sie kfztech auf Facebook Lesen Sie auch den Blog von kfztech.de |
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