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Kfz-Mechatroniker - Nutzfahrzeugtechnik Fachwissen Lernfeld 10 / Fahrwerk und Bremse weiter zu Teil 2 - der Retarder Der wirtschaftliche Druck auf das Transportgewerbe innerhalb der EU nimmt seit Jahren mehr und mehr zu. Um wettbewerbsfähig bleiben zu können, müssen deshalb größere Nutzlasten bei höheren Laufleistungen und Durchschnittsgeschwindigkeiten bewältigt werden (Bild 1). Die Motorleistungen werden kontinuierlich erhöht. Hier stoßen auch die Betriebsbremsen an ihre Grenzen. Ein physikalisches Gesetz besagt bekanntlich, dass bei doppelter Geschwindigkeit ein Vierfaches an kinetischer Energie beim Bremsen in Wärme umgewandelt werden muss. Je länger der Bremsvorgang und je höher die Geschwindigkeit und je schwerer das Fahrzeug, desto mehr Wärme wird erzeugt. Bei längerem Einsatz erreichen Reibungsbremsen Temperaturen von bis zu 1.000° C. Dadurch fällt ihre Bremswirkung rapide ab, Risse können entstehen, Bremsbeläge verschleißen. Die Folge: Die Sicherheit für Fahrer, Fahrzeug und Ladung bliebe auf der Strecke.
Bild 1 (MAN) Der MAN TGA verwendet als Dauerbremse einen Aquatarder. Aus diesem Grunde sieht der Gesetzgeber Dauerbremsen vor. Eine Dauerbremse ist bei nach § 41 StVZO für Busse über 5,5 t und Lkw über 9 t zulässiger Gesamtmasse vorgeschrieben. Die Dauerbremse soll das voll beladene Fahrzeug bei einem Gefälle von 7 % und 6 km Länge auf einer Fahrgeschwindigkeit von 30 km/h halten können. Eine Dauerbremse ist somit eine Einrichtung, die länger andauerndes Bremsen ermöglicht, ohne in ihrer Bremsleistung nachzulassen. Während eine normale Betriebsbremse nicht zum Dauerbetrieb geeignet ist und bei längerem Betrieb zur Überhitzung und zum Bremsversagen neigt (Fading), hat die Dauerbremse eine unterstützende Funktion, um die Betriebsbremse zu entlasten. Bei Dauerbremsen unterscheidet man zum einen Motorstaubremsen mit Auspuffklappen und zum anderen hydrodynamische und elektrodynamische Retarder. MotorstaubremseDie reine Motorbremse, also das Wegnehmen des Gaspedals mit Zurückschalten, erreicht nicht die gesetzlichen Vorgaben der StVZO. Bei der Motorstaubremse wird die Auspuffleitung mittels Klappe durch ein fußbetätigtes Magnetventil verschlossen. Gleichzeitig wird die Regelstange der Einspritzpumpe in Stoppstellung gebracht. Diese Variante wird bei Lkws und Bussen am häufigsten verwendet und erreicht eine Bremsleistung von 14 - 20 kW je Liter Hubraum. Bei der Variante mit Auspuffklappe und Konstantdrossel wird zusätzlich durch ein Ventil die gezielte Dekompression des 2. und 3. Arbeitstaktes zur Bremsleistung herangezogen. Die erreichbaren Bremsleistungen liegen hier bei 30 - 40 kW je Liter Hubraum. Auf eine nähere Beschreibung der Motorstaubremse wird in diesem Artikel verzichtet. Es soll dafür auf den Retarder genauer eingegangen werden. Hydrodynamischer RetarderDer Begriff Retarder stammt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie "zurückhalten". Es werden hydrodynamische und elektrodynamische Retarder unterschieden. Der hydrodynamische Retarder ist eine verschleißfreie Fahrzeugbremse, die auch als Strömungsbremse bezeichnet wird. Der Retarder arbeitet vom Prinzip mit einer abgeänderten Flüssigkeitskupplung (Föttinger-Kupplung) auf der Antriebswelle und wandelt dabei die mechanische Energie der hydraulischen Flüssigkeit in thermische Energie um. Moderne Retarder erreichen dabei ein Bremsmoment von 4.000 Nm. Als echte Dauerbremsen bieten sie auf anspruchsvollen Gefällestrecken, auf Autobahnen und im städtischen Stop-and-go-Verkehr enorme Sicherheitsreserven. Denn sie bremsen nahezu verschleißfrei und bleiben auch auf langen Gefällestrecken immer voll einsetzbar. Mit bis zu 700 kW liefern Retarder bei hohen Geschwindigkeiten eine enorm hohe Bremsleistung. Mit ihrem hohen Bremsmoment bei geringem Aggregatgewicht setzen sie in kurzer Zeit große Energiemengen wirkungsvoll um. Und weil der Retarder über eine eigene Ölversorgung verfügt, kann das Betriebsmedium Öl bis in höchste zulässige Betriebstemperaturbereiche beansprucht werden. Ein Retarder ergänzt sich ideal mit der Motorbremse, denn ihre Bremswirkungen addieren sich. So verfügt man sowohl bei niedrigen als auch bei hohen Geschwindigkeiten über die optimale Bremswirkung. Übrigens lassen sich mit den leistungsstarken Dauerbremsen bis zu 90% aller Bremsungen durchführen, was die herkömmliche Bremse schont. Funktionsprinzip Hydrodynamischer RetarderBeim hydrodynamischen Retarder stehen sich zwei Schaufelräder einander gegenüber. Der bewegliche Rotor ist über die Retarderantriebswelle mit der Gelenkwelle des Fahrzeugs verbunden, der feststehende Stator mit dem Retardergehäuse. Im Bremsbetrieb, sprich bei Retarderbetätigung, wird Öl in den Arbeitsraum zwischen den Schaufelrädern gedrückt. Der Rotor muss die Flüssigkeit in seine Drehbewegung einbeziehen und diese beschleunigen. Das Öl wird durch die Zentrifugalkraft nach außen gedrückt und durch die Form der Rotorschaufeln in den Stator übergeleitet (Bild 2).
Bild 2 (Voith) Die Flüssigkeit wird im Rotor beschleunigt, im Stator wieder abgebremst und umgelenkt wieder dem Rotor zugeführt. Durch Es entsteht ein Bremsmoment, das auch das Fahrzeug abbremst. Da sich der Stator nicht bewegt, wird das Öl wieder abgebremst. Im Stator wird die Flüssigkeit umgelenkt und im Innendurchmesser des Arbeitsraums wieder dem Rotor zugeführt. Durch die Umströmung der Rotorschaufeln entsteht ein Drehmoment, das der Bewegungsrichtung des Rotors entgegenwirkt. Durch die Verzögerung im Rotor wird somit auch das Fahrzeug abgebremst. Wie allen Bremsen gemein, wird durch die Reibung die Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt. Video zum hydrodynamischen Prinzip:
Die zum Beschleunigen der Flüssigkeit erforderliche Energie wird der Bewegungsenergie des Fahrzeugs entnommen und wirkt dadurch bremsend. Die anfallende Strömungsenergie wird in Wärme umgewandelt. Die Bremswärme wird über die Fahrzeugkühlanlage schnell und wirkungsvoll abgeführt (Bild 3).
Bild 3 (Voith) Beim Bremsen wird kinetische Energie in Wärmeenergie umgewandelt. Die Bremswärme wird über die Fahrzeugkühlanlage schnell und wirkungsvoll abgeführt Die Betätigung des Retarders erfolgt automatisch über das Fußbremspedal oder alternativ über den Bremstempomathebel am Lenkrad. Die Ansteuerung des Retarders geschieht grundsätzlich über eine Druckluftsteuerung. Zum Aktivieren wird der Retarder mit Öl aus einem Vorratsbehälter geflutet, welches bei Druckabbau durch die Schaufelräder selbsttätig wieder zurückgepumpt wird. Bei den heutigen Fahrzeuggenerationen ist der Retarder üblicherweise in das Bremsenmanagement des Fahrzeugs integriert und wird über den Fahrzeugrechner in Abhängigkeit von der Fahr- und Betriebssituation aktiviert. Der Retarder wurde von der Voith AG in Heidenheim an der Brenz entwickelt und 1968 erstmals in Bussen eingesetzt. Heute werden Retarder als integraler Bestandteil von Bremssystemen über die Fahrzeugelektronik in das Bremsenmanagement des Fahrzeugs integriert. So kann beispielsweise die Geschwindigkeit bei Bergabfahrt mit Hilfe des Retarders konstant auf die vom Fahrer gewählte Fahrgeschwindigkeit gehalten werden. Bei einer Dauerbremsung im Gefälle unterstützt der Kraftfahrer die Bremswirkung durch Herunterschalten und nützt dadurch die Leistungsfähigkeit des Retarders voll aus. Grundsätzlich können fünf verschiedene Bremsstufen angewählt werden, um die Geschwindigkeit an das Gefälle anzupassen. Wird das Fahrzeug trotzdem schneller, muss zusätzlich die Betriebsbremse betätigt werden. Bei unsicheren Fahrbahnverhältnissen (Schnee/Eis/starke Regenfälle) muss der Retarder vorsichtig und stufenweise eingesteuert werden. Bei Fahrzeugen mit zusätzlichem Retarder-Hauptschalter muss dieser ausgeschaltet werden. Bei ABS-Funktion wird der Retarder abgeschaltet. Nach Beendigung des ABS-Regelvorgangs ist der Retarder wieder wirksam. RetarderartenEs gibt beim Retarder wie so häufig in der Kraftfahrzeugtechnik eine begriffliche Vielfalt, die hier auch etwas gelichtet werden soll. Man liest von Inline- und Offline-Retardern, von Primär- und Sekundär-Retardern sowie von Pritardern, Intardern Aquatardern und Magnetardern. Sowohl Offline- als auch Inline-Retarder gehören zu den Sekundär-Retardern. Sie werden so bezeichnet, da sie nach dem Getriebe angeordnet sind. Retarder die zwischen Motor und Getriebe angebracht werden, nennt man dagegen Primär-Retarder.
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