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GRUPPENARBEIT – ARBEITEN IN GRUPPEN

Hans-Dietrich Zeuschner - Januar 2002

Gruppenarbeit, laut Unterrichtsvorbereitung,  in Kfz-Grundstufen von Berufsschulen. Durchaus nicht selten treffen wir folgenden Situationen an: 

Wir sehen Schüler, die sich gegenüber sitzen, evtl. in einer Runde und sich zu Beginn der Phase mit dem Arbeitsauftrag und dem ausgeteilten Material mehr oder weniger intensiv befassen. Hiernach spaltet sich die Gruppe, die einen Teilnehmer kommen über das von der Lehrkraft Vorgelegte ins Gespräch, andere können bereits ad hoc d.h. nach Überfliegen der Unterlagen (zumeist unvollständige) Lösungsansätze für die gestellten Aufgaben liefern, eine dritte Fraktion versucht, sachfremde Beiträge einzubringen, Themen anzuschneiden, die ihr z. B. auf  Grund ihrer betrieblichen oder privaten Erfahrungen, Erlebnisse vielleicht  nach Pausengesprächen „auf dem Herzen liegen“, die vierte bleibt unbeteiligt, stumm. In der Folgezeit dominieren „Überkreuzgespräche“, sofern nicht ein Macher die Gesprächsführung/Diskussionsleitung frühzeitig übernimmt. Durch zumeist nonverbale Ermahnungen der Lehrkraft und/oder Zeitdruck verstärkt sich zum Ende der Vorgabezeit hin die Bereitschaft, dem Arbeitsauftrag nachzukommen. Ein Mitglied wird auserkoren, das Ergebnis zu protokollieren und später vorzutragen. Ein oder zwei Schüler formulieren und diktieren es unter zumeist stummer „Beteiligung“/Billigung der übrigen. Dies geschieht unter massivem Zeitdruck. Die anschließende Vorstellung des Arbeitsergebnisses ist für die übrigen Schüler der Klasse wenig effektiv, weil sie  von den Gruppensprechern über den Auftrag und die Beiträge  der Gruppenmitglieder lediglich fragmentarisch informiert  werden und das von der Lehrkraft an die Gruppen ausgeteilte ausführliche Basismaterial nicht kennen.

 

Rolf Arnold [1] u.a. charakterisieren die Arbeitsform Gruppenarbeit u.a. folgendermaßen:

Lernziele

  • Möglichkeit, aktiv und selbständig zu lernen

  • Möglichkeit mit anderen zusammenzuarbeiten (soziale Interaktion und Kommunikation)

Vorteile

  • Aktivierung des einzelnen nimmt zu

  • Individuelle Rückmeldung funktioniert besser

  • Verantwortung für die gemeinsame Aufgabe und die Ergebnisse wird von einzelnen besser gewahrt

Nachteile

  • Gefahr, dass die Gruppenmitglieder nicht kooperieren

  • das leistungsfähigste Mitglied die Aufgaben löst

  • die Aufgaben keinen Entwicklungsspielraum lassen

  • im Rahmen einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit zu viel Stoff zu behandeln ist

  • die Integration der Teilergebnisse der einzelnen Gruppen zu einem Gesamtergebnis nicht gelingt

 

Die vorstehende Situationsbeschreibung und das angeführte Zitat verdeutlichen, dass das im Zusammenhang mit Handlungsorientierung häufig publizierte Postulat, dass Gruppenarbeit in jedem Falle, quasi zwangsläufig im Hinblick auf die Förderung der Sozialkompetenz, der Kommunikationskompetenz, der Methodenkompetenz sowie u.U. der Fachkompetenz weit mehr zu leisten im Stande sei als die übrigen Arbeitsformen, auf einem Irrglauben beruht. Der Erfolg eines Unterrichts unter Verwendung dieser Arbeitsform ist in starkem Maße davon abhängig, ob und in welchem Maße die erforderlichen Voraussetzungen erfüllt sind sowie  berücksichtigt werden.

Selten findet man in veröffentlichten Unterrichtsmodellen/Unterrichtsvorbereitungen dezidierte Begründungen für die empfohlenen Arbeitsweisen. Daraus kann gefolgert werden, dass bei der Auswahl der Arbeits- und der Unterrichtsformen in der Regel  nach Gefühl bzw. dem Zufallsprinzip verfahren wird. Häufig wird übersehen, dass Gruppenarbeit z.B. mit  Frontalunterricht / Einzelarbeit / Partnerarbeit / zu konkurrieren hat. Aus diesem Grunde ist vor der Entscheidung für eine bestimmte Arbeitsform zu fragen, was diese jeweils in der entsprechenden Unterrichtsphase  zu leisten vermag, das heißt,

  • was sie für die Realisierung der Unterrichtsziele leisten kann

  • welche Fähigkeiten des Lernenden sie fördern kann ( Fähigkeiten bzw. Kompetenzen > Anm. des Verfassers)

  • welche formalen und inhaltlichen Voraussetzungen für ihren Einsatz gegeben sein müssen. [2]

Für den Einsatz von Gruppenarbeit, die weit über das Gemeinsame Arbeiten in einer Sitzgruppe in dem o.a. Sinn hinaus geht, müssen – wie wohl jede Lehrkraft aus eigener Erfahrung von ihrem Studium  weiß - alle Schüler von der emanzipationsfördernden Wirkung überzeugt sein, die einschlägigen Regeln kennen, mit ihrem Umgang vertraut sowie stets bereit sein, sie zu respektieren.

 

Sofern die Vorkenntnisse im Umgang mit der Arbeitsform Gruppenarbeit nicht ausreichen sollten, ist zu Beginn der Berufsschulzeit in der Kfz-Grundstufe im Unterricht das Kapitel Rollenfunktionen in der Gruppe [3]  zu thematisieren.

Dazu gehören nach Tobias Brocher z.B.:

  • Aufgabenrollen wie Initiative und Aktivität, Informationssuche, Meinungserkundung Informationen geben, Meinung geben, Ausarbeiten, Koordinieren, Zusammenfassen, Ermutigung, Grenzen wahren, Regeln bilden, Folge leisten Ausdruck der Gruppengefühle.

  • Aufgaben und Erhaltungsrollen wie Auswerten, Diagnostizieren, Übereinstimmung, Prüfen, Vermitteln, Spannung vermindern.

  • Dysfunktionale Rollen wie Aggressives Verhalten, Blockieren, Selbstgeständnisse, Rivalisieren, Suche nach Sympathie, Spezialplädoyers, Clownerie, Beachtung suchen, Sich zurückziehen.

 

 

Am Studienseminar für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen in Lüneburg ist vor einiger Zeit ein Merkblatt entwickelt  worden, das die vorstehend  genannten Rollen dysfunktionalen Verhaltens in der Schülersprache und dazu in Form von Verhaltensregeln und Beispielen beschreibt (vgl. Tabelle).  Dieses Regelwerk sollte jeder Schüler / jede Schülerin in vollem Umfang akzeptieren und sein / ihr Verhalten während der Gruppenarbeit darauf abstimmen.

 

Berichte von bzw. Empfehlungen für die letzte Unterrichtsphase  enden häufig mit den Sätzen:

‘Im Unterrichtsgespräch tragen die Schüler das Ergebnis vor, das sie während  der Gruppenarbeitsphase erarbeitet haben‘

oder

‘Zum Abschluss der Stunde werden die Arbeitsergebnisse der Gruppen diskutiert.´ 

bzw.

`Der Ertrag der Arbeit wird in einer abschließenden Phase durch die Arbeitsgruppenberichte und gemeinsame Diskussionen im Klassenunterricht zu einem Gesamtergebnis zusammengefasst.´

 

Bei Arnold, R. u.a. [4]  lauten die letzten drei Planungsschritte:

„Präsentieren der Ergebnisse innerhalb der Gesamtgruppe (Plenum)

                           

Diskutieren und Bewerten der Ergebnisse

                          

Zusammenfassen und fixieren“

 

Der nachstehende Katalog soll Lehrkräfte dazu anhalten, einmal vom `Schema F´ abzuweichen und andere Möglichkeiten der Präsentation von Gruppenarbeitsergebnissen zu berücksichtigen.

Ergebnisse von Arbeitsgruppen können im Unterricht ....

  • als Ganzes / in Teilen

  • als Texte / als Zahlen / als Bilder / graphische Darstellungen, Skizzen, Zeichnungen / als sonstige Produktionen

  • mit identischem / mit unterschiedlichem Informationsgehalt

  • durch die Lehrkraft / durch technische Mittel

  • von einzelnen / von mehreren / von allen

  • von freiwilligen / bestimmten / ausgewählten Gruppenmitgliedern

  • in strukturierter / in unstrukturierter Form

  • nacheinander / abwechselnd / parallel

  • für das Auge / für das Ohr / für Auge und Ohr

  • an der Tafel / auf Folien(abschnitten) / auf Großbögen / auf Kopiervorlagen / auf dem Bildschirm / auf der Leinwand / ohne Hilfsmittel

zur weiteren Bearbeitung in Form von ...

  • Lesen / Betrachten / Ablesen / Vortragen / Beschreiben / Vergleichen / Ordnen / Kontrollieren / Anwenden / Beurteilen

  • durch Mitschüler / durch die Lehrkraft / durch Lehrer und Schüler / durch Externe

  • in der Schule / als Hausaufgabe / auf Exkursionen

  • freiwillig / angewiesen

dargeboten werden.  

 

Nicht nur im Hinblick auf die Präsentation der Ergebnisse, die eine Schülergruppe erarbeitet hat, sondern generell bei der Anwendung der Arbeitsform Gruppenarbeit wirken sich detaillierte Vorgaben formaler und inhaltlicher Art im Hinblick auf die Erweiterung der o.a. Kompetenzen  der BS-Schüler kontraproduktiv aus.

Eng gefasste Arbeitsaufträge, auf den Punkt gebrachtes, i.d.R. zusammengeschnittenes Arbeitsmaterial etc. sind mit dem Prinzip der Handlungsorientierung nicht zu vereinbaren. Selbständig Planen - Realisieren - Kontrollieren – Bewerten, während der Ausbildung, lautet die Devise seit 1987 bzw. 1989 für die industriellen sowie handwerklichen Metall- berufe, eingeschlossen den Schwerpunkt Fahrzeugtechnik. Die Arbeitsform Gruppenarbeit bietet die Möglichkeit, handlungsorientiert zu arbeiten.   Gelingt es der Lehrkraft durch Aufklärung und Training zu Beginn der Grundstufe die BS-Schüler  von den Vorzügen der Arbeitsform Gruppenarbeit zu überzeugen und sind die Schüler danach bereit, die vorstehenden Rollenfunktionen ernst zu nehmen und sich entsprechend zu verhalten, dann besteht die Möglichkeit, dass die von  Arnold, R. u.a. oben genannten Nachteile signifikant im Umfang reduziert werden.   

 

REGELN FÜR DAS ARBEITEN IN GRUPPEN

Unerwünschtes Verhalten Regel Beispiele

Aggressives Verhalten

Meckere nicht herum!

Stell´ den anderen nicht bloß!

Sei nicht überheblich!

„Du hast ja keine Ahnung!“

„Mit euch kann ich nicht arbeiten!“

„Ihr seid mir zu blöd!“

„So ist es wohl bei dir zu Hause!“

Blockieren

Hilf mit, die Gruppenarbeit voranzutreiben! 

Behindere nicht den Fortgang!

Weiche nicht zu unwichtigen Themen ab!

„Hab´ ich übrigens schon erzählt?“

„Ich finde aber das viel wichtiger!“

„Sagt, was ihr wollt, ihr überzeugt mich nicht!“

Suche nach Sympathie Mach´ nicht auf die Mitleidstour!

Versuch´ nicht den anderen etwas unterzujubeln!

„Ich weiß ja, dass meine Ideen nicht schlecht sind!“

„Ihr hört ja doch nicht auf mich!“

„Ich weiß nicht, meint ihr nicht auch?“

Den Clown spielen Störe die Arbeit nicht durch Herumalbern!

Spiel´ nicht den Gruppenclown!

nachäffen - witzeln - Joke machen

Beachtung suchen

Lenk´ nicht durch unpassendes Verhalten vom Thema ab!

Versteck´ deine Ungewissheit nicht hinter Störungen!

rum schreien - extreme Ideen einbringen - stören, verbessern 

Sich zurück ziehen Verweigere nicht deine Mitarbeit! mit anderen flüstern - Tag träumen - Nichts tun
Anmerkungen und Quellenangaben des Autors:

[1] Vgl. Arnold, R. u.a.: Berufs- und Arbeitspädagogik, Berlin, 1996 S. 275 ff [zurück]

[2] vgl. Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung: Politik, kurzgefasst, Bonn 1995 S. 143 [zurück]

[3] vgl. Gruppendynamik und Erwachsenenbildung, Braunschweig, 1976 S. 137 ff [zurück]

[4] Arnold, R. u.a. ebenda S.277 [zurück]

Hans-Dietrich Zeuschner Weitere Beiträge von Herrn Zeuschner finden sie hier.

 

Der Gastbeitrag wurde weder gekürzt noch inhaltlich verändert. Wiesinger

überarbeitet: 19.02.15