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Das Duale System unter der Lupe

Hans-Dietrich Zeuschner, 10.09

 

Im BMBF-Bildungsserver Innovationsportal vom 02.04.2009 liest man u.a.:         

„Der Berufsbildungsbericht 2009 enthält unter anderem: eine Ausbildungsbilanz des Jahres 2008, Informationen zum Ausbildungsmarkt, zu Struktur und Entwicklung der  Berufsausbildung, zum Übergangssystem, zur Qualitätssicherung und der Einrichtung   der Qualifizierungsinitiative  „Aufstieg durch Bildung“ sowie zur europäischen und internationalen Zusammenarbeit in der Berufsbildungspolitik. “ Über die Qualität und damit auch über die Schwächen der laufenden Berufsausbildung  im Dualen System  ist kein Wort zu finden.

Der Ausbildungsreport des DGB
Der alljährlich erscheinende Berufsbildungsbericht der Bundesregierung befasst sich nicht mit der Qualität der Berufsausbildung im Dualen System bzw. mit den  Stellungnahmen der Betroffenen, nämlich der Auszubildenden, wie vorstehend dargestellt. Diese Lücke schließt der DGB mit dem Ausbildungsreport. Hier berichtet eine relativ und absolut große Anzahl Auszubildender über ihre Erfahrungen während der Berufsausbildung. Nachstehend gebe ich in Auszügen den Report, angereichert durch eigene Ergänzungen oder Kommentare, sowie meine Erfahrungen als Landmaschinenmechaniker-Lehrling (wie es seinerzeit hieß) in der Zeit von 1952 bis1955 wieder.

Die Berufsschule wird  in Bezug auf fachliche Qualität von insgesamt 6.770 Auszubildenden/ Berufsschülern  eher positiv als negativ eingeschätzt.

Es plädierten für                                                                                                               

„sehr gut“ und „gut“                          >          insgesamt 66,5 %,                                                                                 

„ausreichend“                                  >          26,2 % 

„schlecht“ und „sehr schlecht“       >         insgesamt  7,2 %                                                              

Die schlechte Bewertung wird  auf  mangelhafte schulische Ausstattung sowohl in materieller,  insbesondere jedoch  in  personeller Hinsicht  zurück geführt.  Hier bestimmt Quantität die Qualität. Unterrichtsausfall als Folge von  Lehrermangel bewirkt Wissenslücken  bei  den Auszubildenden, die bei Zwischen- und Abschlussprüfungen offenbar werden. Sie werden weiterhin verstärkt dadurch, dass  durch ggf. vorhandene betriebliche Eigenheiten der Ausbildungsbetriebe bedingte Defizite, in der Berufsschule nicht kompensiert werden können. Für die  materielle Ausstattung der Berufsschulen sind die Kommunen gefordert. Das Land ist dafür verantwortlich, dass hinreichend Theorie- und Fachpraxislehrkräfte an den Berufsschulen eingesetzt werden. Die Schulleitungen vor Ort verfügen über die Verteilung der  Lehrkräfte auf die vorhandenen Schulformen.  Als Folge des herrschenden Lehrermangels werden nicht selten Lehrkräfte  aus der Berufsschule, zum Unterrichten an Vollzeitschulen der BBS, d.h. zur Beschulung  der Schüler in den  Warteschleifen abgezogen.           

Rückblick:  In der Außenstelle Wittingen der Kreisberufsschule Gifhorn habe ich die drei „Schlosserklassen U, M und O “ an jeweils einem Tag in der Woche mit sechs Stunden  besucht.  Zu Beginn wurden wir von einem „typischen“  Berufsschullehrer /Metalltechnik unterrichtet. Später war es ein ehemaliger Dozent von der Ingenieurschule in Jena. Im Fachkundeunterricht haben  mein Mitschüler Egon, der im Konkurrenzbetrieb lernte, und  ich diesem  Fachlehrer  eine Menge über Landmaschinen vermittelt. In den Fächern Fachrechnen und Fachzeichnen sowie im Bereich allgemeiner Maschinenbau bewerte ich heute die Qualität des Unterrichts mit gut. 

Die fachliche Qualität im Ausbildungsbetrieb wird von 6750 Auszubildenden deutlich positiv eingeschätzt. Es plädierten für   

„sehr gut“ und „gut“     > insgesamt 75,2 %,
„noch ausreichend“  > 18,1%
„schlecht“ und „sehr schlecht“  >  insgesamt  6,6% 

Dieses Ergebnis ist erfahrungsgemäß differenziert zu betrachten, dazu ein paar Vergleichszahlen: 

□ In Kleinbetrieben mit max. 10 Beschäftigten beurteilten die fachliche Qualität 27,4 % der Auszubildenden  mit „sehr gut“.

□ In Großbetrieben mit mehr als 500 Beschäftigten entschieden sich 44,4 % der Auszubildenden für das Urteil „sehr gut“.

○ In Kleinbetrieben mit max. 10 Mitarbeitern waren 23 % mit ihrer Ausbildung „sehr zufrieden“,

○ in Großbetrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern waren es 37,3 %. 

Dagegen wurde festgestellt,      

□ dass in Kleinbetrieben mit max. 10 Mitarbeitern  11,2 % Auszubildende mit ihrer Ausbildung „unzufrieden“ oder „sehr unzufrieden“ waren, 

□ und dass in Großbetrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern der entsprechende Wert bei 2,5 % lag.

Diese gravierenden Differenzen haben ihre Ursache darin, dass z.B. gewerbliche Großbetriebe i.d.R. über Ausbildungswerkstätten mit entsprechender  materieller und personeller Ausstattung verfügen, dass dagegen bei Kleinbetrieben Ausbildermangel  herrschen kann und dass in Kleinbetrieben die Ausbildung  i.d.R. weniger organisiert über die Bühne geht als in Großbetrieben.

Im Hinblick auf die Einhaltung des Ausbildungsplans ergibt sich ein inhomogenes Bild:  893 Auszubildende, die aussagten, dass sie ihren Ausbildungsplan sehr gut kennen würden, machten über die Einhaltung des Ausbildungsplans folgende Angaben:

„immer“  > 54,8 %
„häufig“  > 34,3 %
„manchmal“ > 7,6  %
„selten“ oder „nie“  > 3,3  %

Deutliche Unterschiede sind im Hinblick auf die Betriebsgröße (11 bis 50 bzw. über 500 Mitarbeiter) festgestellt worden.

□  „Immer“ oder „häufig“  wurden die Ausbildungspläne in  den kleineren Betrieben zu 85,1% eingehalten,   in den Großbetrieben  dagegen zu  90,6 %.
□ Bei den Antworten  „selten“ oder „nie“   lagen die entsprechenden Quoten  bei 4,6%  bzw. 1,3%.

Bei  Handwerksbetrieben  z.B.  steht  der Anfall bzw. die Abwicklung von Reparaturaufträgen und Werksverträgen im Vordergrund.  Hierdurch  können  Vorgaben  der Ausbildungspläne i.d.R. nur unsystematisch bzw. lückenhaft erfüllt werden, was sich übrigens bei Zwischen- und Abschlussprüfungen zu Lasten der  Azubis negativ bemerkbar machen kann.

In direktem Zusammenhang mit dem Vorstehenden steht das Kriterium Betreuung durch Ausbilder/innen. Der Lückentext für 6.236 Auszubildenden lautete: „Mein Ausbilder erklärt mir Arbeitsvorgänge ………   

……“immer“   > 37,5 %
……“häufig“ > 30,1 %
…..“manchmal“ > 16,6 %
…..“selten“  > 10,0 %  
…..“nie“   > 5,7 % 

Die Neuordnung der Metall- und Elektroberufe schreibt seit  Jahrzehnten  vor, dass Auszubildende lernen sollen „selbständig zu planen, zu realisieren, zu kontrollieren und zu bewerten“ und distanziert sich damit von der klassischen Meister-Lehrlings-Ausbildung, bei der Vor- und Nachmachen die tragende Elemente bildeten. Deshalb sind die Eckwerte der vorstehenden  Skala kritisch und differenziert zu betrachten. Das angemessene Maß dürfte, je nach Lage der Dinge,  zwischen  „häufig“ und  “selten“ liegen.  Auszubildende können sowohl durch Über-  als auch durch Unterforderung resignieren oder sogar kapitulieren. Sowohl das  Repertoire an angeeigneten Fähigkeiten und Fertigkeiten und erlerntem Wissen, als ebenfalls das subjektive  Gefühl, gut  oder schlecht ausgebildet zu sein, entscheidet über die Ergebnisse bei Zwischen- und Abschlussprüfungen.

Rückblick: Ich habe in einer Reparaturwerkstatt  für Landmaschinen gelernt. Dort gab es jeweils einen  Spezialisten für Diesel-Viertaktmotoren, für Bulldogs, für Dreschmaschinen, für Fahrzeuge, für  Bodenbearbeitungsgeräte, für Melkanlagen und Entmistungsgeräte sowie für die Arbeit mit Werkzeugmaschinen. Als Lehrlinge sind wir „herumgereicht“ worden.  Die Arbeitsvorgänge sind mir  häufig bis manchmal  erklärt worden, heute sage ich, die Betreuung war hinsichtlich Umfang und Intensität angemessen.

3301 Auszubildende, die ihren Ausbildungsplan gut bzw. sehr gut kennen, sind zum Thema ausbildungsfremde Tätigkeiten befragt worden , hier die Antworten:                                                

„nie“ > 28,4 %   
„selten“   > 35,6 %
„häufig“ > 9,8 %
„manchmal“  > 22,5 %
„immer“  >  3,6 %

Wie verlautet kamen die 13,4% der Auszubildenden, die häufig oder immer ausbildungsfremde Tätigkeiten zu erledigen haben,  überwiegend aus den Dienstleistungsberufen, aus dem Handwerk Ernährung sowie aus der Baubranche. Wie nicht anders zu erwarten, spielt auch bei diesem Kriterium die Betriebsgröße eine wesentliche Rolle: 

□ 19,4% der Auszubildenden aus Betrieben mit bis zu zehn Mitarbeiter hatten „immer“ oder „häufig“ ausbildungsfremde Tätigkeiten zu erfüllen,
□  die gleiche Auskunft gaben  6,5% Befragte aus  Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern
□  Wie vorstehend, bezogen auf die Betriebsgröße, wurden die Antworten „selten“ oder „nie“ im Verhältnis  54,5% zu 77,5% gegeben.    

Rückblick: Entrostungs- und Reinigungsarbeiten  jedweder Art  gehörten zu Beginn der Ausbildung zum Arbeitsalltag. Da ich bereits im ersten Lehrjahr  den Führerschein Klasse 3 erworben hatte, sind mir ab und an Botenfahrten mit dem KD-Wagen  z.B. zum Bahnhof oder zur Post, gelegentlich ebenfalls zur Überführung von Ackerschleppern, übertragen worden. 

„Ich mache regelmäßig Überstunden“ haben 42,2%  der befragten 6820 Auszubildenden auf die entsprechende Frage geantwortet. Besonders betroffen sind die angehenden  Hotel- (61%) und Restaurantfachleute (71,8%),  Köche (65,2%),  sowie Frisöre und  medizinische Fachangestellte. Auf einem Spitzenplatz am anderen Ende der Scala landen die angehenden Industriemechaniker mit nur 19,2%.

Über die Anzahl der der Überstunden pro Woche wurden folgende Angaben gemacht:  

„1 bis 5 Stunden“  > 71,7%
 „6 bis 10 Stunden“  > 21,0 %
„11 bis 15 Stunden“ > 3,9%
„16 bis 20 Stunden“ > 1,9% 
„über 20 Stunden“ > 1,5%

Auf die Frage, wie der Ausgleich von Überstunden in ihrem Ausbildungsbetrieb geregelt wird, antworteten insgesamt 6171 Auszubildende mit 

„Freizeitausgleich“ > 60,7% 
„Bezahlung“  > 9,0%
„weder/noch“ > 18,8%
„weiß nicht“ > 11,5%

Das Berufsbildungsgesetz § 17  schreibt vor, dass Überstunden vergütet oder durch Freizeit ausgeglichen werden müssen, unter Berücksichtigung des  Jugendschutzgesetzes.  Keinerlei Ausgleich für regelmäßig zu leistende Überstunden erhalten z.B. angehende Friseure (54,8%), Zahnmedizinische Fachangestellte (51,7%) und Hotelfachleute   (44,4%).

Rückblick: Überstunden sind  vor allem während der Erntezeit angefallen. Wenn ich mich recht entsinne, ist die Mehrarbeit  von der zweiten halben Stunde an mit einem geringen Stundensatz bezahlt worden. (Die Ausbildungsvergütung lag im 3.Lehrjahr bei ca. 70,- DM. Mein erster Gesellenlohn betrug seinerzeit 99 Pfennig)  Das Zubrot durch Überstunden war mir durchaus willkommen.     

Allgemeine Kritik  am Dualen System 

Um die Ausbildungsplätze im Dualen System herrscht Verdrängungswettbewerb. Schüler mit weniger gutem oder ohne  Hauptschulabschlusszeugnis sowie Sonderschüler finden zumeist  keinen,  in Ausnahmefällen einen für die übrigen Absolventen völlig unattraktiven Ausbildungsplatz, wenn sie Glück haben, einen Helferjob mit Unterbezahlung. Ausbildungsplätze in gewerblichen Produktions-betrieben, die traditionell Hauptschulabsolventen vorbehalten waren, werden mit steigender Tendenz von ehemaligen Realschülern besetzt. Die Hauptklientel für anspruchsvolle Berufe im kaufmännischen als ebenfalls im technischen Bereich, hier, insbesondere auf dem industriellen Sektor, sind Abiturienten. 
Fazit: Das Duale System selektiert 

Jahr für Jahr bilden z.B. Handwerksbetriebe über ihren eigenen Bedarf aus. Nutznießer sind die  Industriebetriebe, insbesondere die großen. Sie waren jedoch seit Jahrzehnten  in erster Linie  für die Anpassung des Dualen Systems an den technischen Fortschritt und damit an seine Weiterentwicklung (Stichwort: Neuordnung der industriellen Elektro- und Metallberufe)  verantwortlich. Der in letzter Zeit registrierte Rückgang des Ausbildungsplatzangebots hat konjunkturelle als auch strukturelle Ursachen. Das Arbeitsvolumen im Produktionsbereich nimmt ab. Eine bisher nur am Rande geübte Methode gewinnt zunehmend an Bedeutung: Absolventen  der verschiedenen Formen der Berufsbildenden Vollzeitschulen werden betrieblich (kostengünstig) eingearbeitet, zusätzlich besteht hier für die Betriebe die Möglichkeit, während der Einarbeitungszeit  zu selektieren.
Fazit:  BBS-Vollzeitschüler treten in Konkurrenz

Trübe Aussichten für 2010 und 2011  

Durch den doppelten Abitur-Jahrgang werden im nächsten Jahr 4600 Jugendliche  zusätzlich auf den Ausbildungsmarkt  in Hamburg und Umgebung  drängen.  Ein Jahr später  kommt das Problem flächendeckend auf  ganz Niedersachsen zu. Der G8-Virus wird darüber hinaus  in der Bundesrepublik  viele unschuldige  Opfer fordern.  Diese Pandemie kommt bestimmt, Impfen zwecklos!

Hans-Dietrich Zeuschner

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Redaktion: Johannes Wiesinger

19.02.2015